Kinder brauchen Flügel… Eltern auch

Kinder brauchen Flügel… Eltern auch!

Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel … meinte schon Johann Wolfgang von Goethe einst.

Waren es in der Kindheit die tiefen Wurzeln des Urvertrauens, immer wie ein Fels in der Brandung für unsere Kinder da zu sein, kam im Heranwachsen die Gewissheit dazu, sie als eigenständige Menschen zu lieben und zu fördern.

Ein sehr bedeutsames Zusammenspiel von Bindung und Autonomie, das für mich als Mutter in all den Jahren nicht immer einfach war.

Die Kinder werden flügge

Und dann war es so weit…

Nach beendetem Studium, ersten Job und eigener Wohnung mit neuem Freund nabelte sich mein einziges Kind nach und nach in ihr neues Leben ab.

Eine nicht ganz einfache Situation, die in uns Müttern die unterschiedlichsten Gefühle hervorlockt, nicht selten geprägt von ernsthaften Zweifeln bis Ohnmacht, von Freude bis Erlösung.

Flügel verleihen

Mein großes Vertrauen und schon frühes Bestärken ihrer ersten zaghaften ‚Gehversuche‘ in Richtung Selbstständigkeit, aber auch das Verarbeiten von Schicksalsschlägen, verliehen Valentina genau diese so wichtigen selbstsicheren Flügel, um irgendwann mal alleine wegfliegen zu können.

Genauso schenkten sie mir die Kraft zum Loslassen und die Zuversicht, dass genau diese Flügel Valentina auch immer wieder zu mir zurückbringen werden, um gemeinsam wertvolle Zeit zu verbringen.

Abnabelung ohne schlechtes Gewissen

Aber es ist auch wichtig für unsere Kinder, diese Abnabelung vollziehen zu dürfen, ohne schlechtes Gewissen oder Skrupel uns Eltern gegenüber.

Möglichst begleitet von der Gewissheit, dass wir ihre eingeschlagenen Wege und selbst getroffenen Entscheidungen akzeptieren, mittragen und bestenfalls sogar befürworten.

Für uns Eltern nicht immer eine so leichte Aufgabe…

Metamorphose meiner Tochter

Aus dem einst hilflosen kleinen Geschöpf ist eine erwachsene Frau geworden, die tough mit beiden Beinen im Leben steht.

Die intelligent und vorausschauend Verantwortung für ihr Tun und Lassen übernimmt und deren authentisch liebevolle Art ihr treue Freunde und einen wundervollen Lebensgefährten geschenkt hat.

Die aber auch klar ihre eigene Meinung vertritt, mir und anderen schon lange nicht mehr nach dem Mund redet, (was nicht immer konfliktfrei bleibt, ich aber sehr schätze) und auch gelernt hat, Nein zu sagen.

Rundum ein junger Mensch, der nun bereit für ein eigenes Leben ist und bedingungsloses Vertrauen und Rückhalt auf seinem neuen Weg verdient… finde ich.

Erinnerungen…

Natürlich vergoss ich so einige Tränchen, als sich Valentina und Oliver dann vor ein paar Wochen romantisch und in klassischen Trachten das Ja-Wort gaben.

Wie ein Film lief plötzlich mein Leben mit ihr in den letzten 29 Jahren vor meinem Geiste ab, während sie bewegt in den alten Gemäuern des Klosters etwas zitternd ihren neuen Nachnahmen auf den Hochzeits-Dokumenten verewigte.

Ich erinnerte mich, dass sie Käse Süßigkeiten vorzog, sich im Geschäft immer die Prinzessinnenkleidchen aussuchte, in Restaurants gerne den Nachbartisch unterhielt, große Brillen liebte oder stundenlang bei Oma im Arm vorgelesen bekommen wollte….

Momente des Glücks

Es waren Momente des Glücks, in denen ich mit weit geöffneten Armen und laut schlagendem Herzen meine Tochter an meinen neuen Schwiegersohn übergab, der für mich nicht hätte passender sein können und der längst schon ein wertvolles Familienmitglied geworden ist.

Es waren aber auch Momente des Loslassens und des Vertrauens in die vielen zukünftigen Entscheidungen für ihr gemeinsames Leben, die nun ohne uns Eltern getroffen werden.

Es waren aber auch wichtige Momente der Einsicht,
Valentina nicht als Tochter verloren, sondern zusätzlich als beste Freundin, Verbündete, kluge Ratgeberin und engste Vertraute dazu gewonnen zu haben.

Loslassen ist etwas für mutige Optimisten

Mir ist einmal mehr klargeworden, dass Loslassen genauso wie älter werden etwas für mutige Optimisten ist.

Dass genau dieser Prozess der Loslösung keinesfalls das Buch zuschlägt, sondern mir die Freiheit verleiht, nun auch für mich ein neues kreatives Kapitel zu schreiben in meinem Leben.

Genauso stärkt mich das Gefühl, dass die Flügel unserer Kinder auch uns Eltern in vielen Situationen tragen werden, wenn wir in Zukunft mal körperlich oder mental geschwächt sein sollten.

Leider erreichen mich immer wieder Leserbriefe, in denen Mütter beklagen, dass mit dem neuen Leben ihrer Kinder Ihnen plötzlich die Aufgabe fehlt … sie teilweise sogar die Kinder, mit dem Wunsch nach Enkeln, unter Druck setzen.

Gerade in diesen Momenten der Einsicht innezuhalten und das eigene Leben mutig aufzurollen und zu durchleuchten, kann eine heilsame Gelegenheit sein und die Grundlage für befriedigende neue Perspektiven in unserer zweiten Lebenshälfte.

Regen bei der Hochzeit

Es regnete am Morgen beim Gang zum Standesamt…

Voller Stolz schaute ich das Brautpaar an und dankte dem Herrgott für diese Regentropfen des Glücks, die ja weniger Tränen in der Ehe bedeuten sollen.

Genauso dankte ich ihm für die Zuversicht, die er mir als Mutter genau jetzt und in diesem Moment der Loslösung geschenkt hat.

Kinder brauchen Flügel… wir Eltern auch!

Valentinas Flügel sind groß und stark und werden ihr helfen, oben zu bleiben, wenn das Leben sie vielleicht mal vorübergehend zu Boden drücken sollte.

Aber auch wir Eltern brauchen Flügel, die uns leicht, schwebend und voller Vertrauen an der Seite unserer längst autarken Kinder in den neuen spannenden Lebensabschnitt tragen.

 

Eure Bibi

p.s. Gib denen die du liebst Flügel, um wegzufliegen und Wurzeln, um wiederzukommen.

7 Kommentare

  1. genau so ist das liebe Bibi… alles was wir hineingelegt haben in die Kinder bekommen wir irgendwann zurück und so dürfen wir zuversichtlich Sein daß sie das Leben meistern, und wenn wir sie in in Liebe loslassen, kommen sie auch gerne zurück.manchmal beklagen sich Eltern daß Kinder sich zu wenig melden dann sag ich immer, meldet ihr euch doch, ihr seid die Eltern….
    das schönste Kompliment habe ich neulich bekommen, wir werden unsere Kinder so erziehen wie ihr uns erzogen habt sagte unsere jüngster…unsere Tochter holt sich oft Ratschläge für die drei Enkelmäuse…das freut mich riesig
    und es macht mich frei auch meine Sachen jetzt zu machen die ich gerne tu und mein Schatz und ich genießen das sehr…. und wenn wir gebraucht werden sind wir da…

  2. Ich bin stolz auf meine beiden Töchter, aus denen schöne, starke, kritische und selbstbewusste Frauen mit einem unbändigen Hunger nach Wissen wurden. So verschieden sie auch in ihrem Wesen sind, ähneln sie sich auch wiederum. Die ältere braucht nicht so sehr den ständigen Kontakt mit mir, was aber nicht bedeutet, dass sie uns deshalb weniger liebt. Heute Morgen fährt sie nach einem wundervollen langen Wochenende von unserer Wahlheimat an der nördlichen Ostseeküste zurück nach Köln. Die „Kleine“, die nur 16 Monate jünger ist, war in der Woche davor bei uns. Sie ist diejenige, deren Vertraute ich bin und mit der ich mehrmals wöchentlich telefoniere.
    Ich betrachte meine Kinder aus großer Distanz und denke manchmal, dass ich wohl das eine oder andere richtig gemacht haben muss.
    Als die Kleine am Sonntag zurück nach Berlin fuhr, sagte sie zu uns: Danke, dass ihr meine Eltern seid.
    Mein Herz hat einen großen Hüpfer gemacht. Ich bin dankbar für meine wundervollen Töchter

  3. Liebe Bibi,
    wass für ein wundervoller Bericht. Ich stimme dem mit vollem Herzen zu u danke für die reizenden u berührenden Bilder u Worte!
    Von Herzen alles Gute dem glücklichen Paar.

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