Plötzlich Single mit über 50… Fluch oder Segen?

Plötzlich Single mit über 50... Fluch oder Segen?

'Bis dass der Tod Euch scheidet...' klingen uns noch die Worte des Pfarrers in den Ohren und dann ist plötzlich alles aus.
Nach Jahrzehnten Ehe oder Lebensgemeindschaft sind Mann und Frau wieder Singles.
In diesem Moment trifft es Verlassengewordene und Verlassene ähnlich, denn zum Ende einer Beziehung gehören immer zwei.

Aus 'Wir' wird 'Ich' und die Welt dreht sich von einem auf den anderen Tag nur noch um uns selbst.
Befreiend oder beklemmend?
Polarisierende Empfindungen machen sich in dieser neuen und zumindest anfänglich oft befremdlichen Lebensphase breit.

 

 

 

 

 

Heilendes Loslassen

Eine Trennung ist meist ein schmerzhaftes aber gleichermaßen auch heilendes Loslassen eines sich längst unbefriedigend gestalteten Beziehungsalltags.

Was in den ersten Schreckmomenten als unüberwindbarer Berg empfunden wird, birgt auf den zweiten Blick oft eine heilende Chance auf Veränderung, um wieder mehr Fröhlichkeit und persönlichem Glück Türen und Tore zu öffnen.

Dieses so wichtige Hoffnungstal als solches zu erkennen, ist im ersten akuten Chaos der Gefühle oft unmöglich, liegt das Jammertal doch zum Greifen nah.
Dazu kredenzt es uns ein breites Angebot an Annehmlichkeiten wie Mitleid, Komfortzone und eine extra Portion Taschentücher, die sicher die nette Apothekerin bereitwillig zum Aspirin und Johanniskraut in die Tüte steckt.

 

 

 

 

 

Befreiendes oder Beklemmendes?

Ähnlich wie nach dem Tod eines lieben Menschen ziehen die ersten Tage/Wochen nach einer Trennung wie in Trance an uns vorbei.
Wir sind aufgrund der brutalen Konfrontation mit einer völlig neuen Lebenssituation, auch dessen Bewältigung und Organisation rund um die Uhr beschäftigt.

Erst viel später macht sich dann das beklemmende Gefühl des Alleinseins breit, auch wenn die Trennung von einem selbst geplant und bewusst durchgeführt wurde.
Aber ist es wirklich ein so negativ belastetes Brummeln in der Magengegend oder verbirgt sich im oft längst überfälligen Ende eine große Chance auf Veränderung und Besserung?

 

Nahtlos weiter oder lieber eine schöpferische Pause?

Gerade jetzt heißt es kämpfen statt resignieren.
Bei manchen von uns beginnt die Wiederaufbauphase bereits mitten in dieser Gefühlsexplosion aus Wut, Enttäuschung und Ratlosigkeit über die gescheiterte Beziehung, bei anderen dagegen erst nach einer bewussten Abkühlung.

War ich doch selbst vor zwei Jahren bewusst wieder Single und musste mich für einen zukünftigen Weg entscheiden.
Für ein spannendes Leben als neue Wahl-Single oder auf zum neuen Abenteuer Liebe?

 

 

 

 

 

Die Nadel im Heuhaufen

Jede Lebensform hat für den einzelnen sicher eine gefühlt richtige Daseinsberechtigung.

Müssen die Neu-Singles sich auf das Alleinsein einstellen, plant die andere Fraktion den strategisch erfolgreichen Weg zur neuen Zweisamkeit.

Mit gewissen Anfängerhürden haben sicher beide zu rechnen, doch hinter der Partnersuche verbergen sich die noch komplexeren Startschwierigkeiten und Erfolgsaussichten.
Haben wir doch 50 und mehr Jahre auf dem Buckel und unendlich viele Erfahrungen in einer oder mehreren Partnerschaften gemacht.
Wir sind sozusagen Profis und wissen genau, was und wen wir definitiv nicht mehr wollen.

Dazu genaue Vorgaben an weibliche oder männliche Optik, Status, Beruf, Hobbies, Wohnort, Lebenssituation, finanzielle Absicherung und bitte keine halbwüchsigen Kinder. 

 

 

Pro und Kontra Single-Leben

Aber wo liegen eigentlich die Für und Wider eines Single-Lebens in unserem Alter, ist das Alleinleben eher ein Fluch oder ein Segen?

Für den Segen sprechen auf den ersten Blick sicher:
Freiheit, keine Verantwortung und Kompromisse, viel Komfortzone, nur Spaß ohne Verpflichtungen, kein Beziehungsstress und -streit, keine notwendige räumliche Veränderung, weniger Enttäuschungen oder unerfüllte Erwartungen, keine erneute Aussicht auf Trennung, keinen Krankenpfleger spielen, nie Ärger mit fremden Kindern und Ex...

Dagegen für den Fluch, vielleicht auch auf den zweiten Blick, sprechen:
Wichtige Gefühlswelt mit wundervollen Schmetterlingen im Bauch, Leidenschaft, Sex und allgemeine Körperlichkeit, gemeinsame Freud und geteiltes Leid, Zusammengehörigkeitsgefühl, gesellschaftliche Integration als Paar, traditionelles Rollenspiel, finanzielle Annehmlichkeiten dank doppelter Einkommen, gemeinsame Unternehmungen und Erlebnisse, gegenseitige Pflege im Alter, alltägliche Kommunikation, Familiengefühl, menschliche Wärme, Familienzuwachs durch Patchwork, weniger Einsamkeit und Alleinsein...

 

 

Erwartungen an den Wunschkandidaten?

Auch wenn wir uns dann wohlüberlegt für eine neue Partnerschaft entscheiden, ist der Weg nicht leicht.

Wir sind nicht mehr 20 und haben ein uns prägendes Leben hinter uns.
Dazu wachsen meist mit zunehmenden Alter auch unsere Erwartungen ans Leben und an die Liebe.

Leider sind es oftmals genau diese kompromisslosen Vorgaben an Sie oder Ihn, die unsere schnellen Erfolgsaussichten schmälern.

Dazu finden Männer gerade in diesem Lebensabschnitt selbstbewusste und autarke Frauen sexy.
Und auch wir Frauen wünschen uns eher den Erfolgstypen als den devoten Männchenmacher.

Bei diesem beiderseitig starken Verlangen nach Selbstverwirklichung und selbstbestimmter Lebensführung ist ein explosiver Knall schon in den ersten oder zweiten Annährungsphasen nicht gerade selten.

Sind wir denn überhaupt bereit, 50% in die Waagschale der Liebe zu werfen?
Tolerant und offen in die neue Welt des Anderen einzutauchen? Eigene Prinzipien auch mal wohlwollend über Bord zu werfen? Die Ecken und Kanten als spannende Herausforderung anzunehmen? Einfach mal Ja zu sagen zu Veränderungen im persönlichen Leben? Und vor allem ohne Altlasten und Vergleiche nur gemeinsam nach vorne zu schauen? Genügend Nähe aber auch gleichzeitig persönliche Freiräume zu schenken?...

 

 

 

 

 

 

Und wo finde ich meinen Traumpartner?

Vielleicht verzichten wir einfach auf den akribisch ausgefüllten mehrseitigen Wunschzettel bezüglich der zukünftigen Traumpartnerin oder des Traumpartners.
Geringe Erwartungshaltung wird oft mit wunderbaren Überraschungsmomenten belohnt... Ich brauchte lange, dies für mich zu verinnerlichen.

Dazu herrscht ja unter den Frauen Ü50 fast solidarisch die Meinung, dass alle guten Männer gefühlt entweder vergeben oder zu vergessen sind, dazu beziehungsgeschädigt und selbstverliebt. 
Die Männer hingegen bemängeln vernachlässigten Jungbrunnen, Zickigkeit, Unflexibilität im Alltag oder den Rucksack voller Altlasten.
Die Gentlewoman genießt und schweigt, deshalb werde ich mich dazu sicher nicht weiter äußern.

Mit diesen doch sehr pessimistisch bremsenden und destruktiven Vorurteilen begeben wir uns dann trotzdem (guten Mutes??) auf die Pirsch.
Aber wo suchen wir am besten den zukünftigen Menschen an unserer Seite? 

'Anständige Damen' werfen weder wilde Blicke an der Supermarkt Kasse noch auf den männlich besetzten Nachbartisch im Restaurant.
Der massive Mix aus Emanzipation und Me Too Bewegung verleitet die Männerwelt auch nicht gerade zum überschwänglichen Flirten.

Und dann machte uns auch noch Corona einen Strich durch die Amor-Rechnung und verhinderte über lange Zeit jegliche Alltagsbegegnungen.
Aber Not macht erfinderisch und initiativ, sogar bei den Zurückhaltensten unter uns.

So hat sich die Pandemie tatsächlich sehr positiv auf die digitalen Dating- und Partnerbörsen ausgewirkt.
Was zuvor noch verpönt, peinlich und unter unserem Niveau galt und natürlich niemand sich derer bediente (wo kommt dann nur weltweit ein Umsatz von über 2 Miliarden US Dollar her ;-), ist dank Corona gesellschaftstauglich geworden.

 

Neuen Partner wie im Warenkatalog

Statt Daily Soap berieselt uns nun Abend für Abend die ungeheure Sortimentsvielfalt an Traum- oder leider auch Albtraum-Partnerschaftskandidaten.

Ein Meer an Herzbuben und Herzdamen, in das wir nur kräftig und entschieden reinlangen müssen und schon haben wir den perfekten Fisch an der Angel.

Leider ist es am Ende ganz so simpel doch nicht!
Ob mit vorangegangenem Persönlichkeitstest und Matching-Ergebnis auf den 'seriösen' Plattformen oder auch ganz unverbindlich ohne, hinter den vielen Bildern und Texten verstecken sich auch desöfteren frustrierende Mogelpackungen.
Wird bei den Männern die Altersschraube nach unten, der akademische Grad und die Staturgröße eher nach oben manipuliert,
lieben wir Frauen nicht selten das bequeme Fotoshop-Retouschier-Programm, um Falten zu bügeln oder um aus Kleidergröße 42 dann lieber doch 36 zu machen.
Auch Jugendfotos kommen nicht selten zum Einsatz bei beiden Geschlechtern.

So bleibt die erste persönliche Begegnung oft spannend und endet nicht selten wie das Hornberger Schießen trotz vielversprechender Schreib- und Wortwechsel vorab.

Bereits beim Ausstieg aus dem Auto, ob protzigem 911 oder in die Jahre gekommener Familienkutsche, folgt dann die oft ernüchternde optische Bestandsaufnahme.
Und wenn dann noch beim ersten Lächeln ein krummes Gebiss hervorblitzt oder das ständige Erwähnen des Ex-Partners die Idylle stört, naht zwangsweise das schnelle Ende.

 

Vielleicht doch lieber Single bleiben?

Verständlich dass nach x Versuchen Frust und Resignation die Oberhand gewinnen, wenn die oder der Richtige ausbleibt oder schlimmer noch auftaucht, mich aber in der Endausscheidung ausmustert.
Jetzt ist ganz viel Selbstbewusstsein, Lockerheit aber auch optimistisches Durchhaltevermögen gefragt.

Rom ist sicher nicht in wenigen Tagen entstanden, also warum entmutigen lassen.
Vielleicht liegt die Schuld am Desaster ja nicht immer nur bei den Anderen, auch wenn dieser Gedanke uns sicher besser schlafen lässt.

Ein Psychologe in Amerika hat Tinder-Konsumenten den dringlichen Rat gegeben, nach spätestens sieben Dates eine längere Schaffenspause einzulegen, um wieder die nötige Distanz zum Geschehen zu erlangen.
Kein schlechter Gedanke und so bleibt auch Zeit für ein paar selbstkritische Gedanken!

Vielleicht ist ja die bindende Partnerschaft in der aktuellen Lebensphase gar nicht die richtige Wahl, sondern eher nur eine Freundschaft+, wie es im modernen Jargon mittlerweile heißt?
Eine gute Freundschaft mit vielen Gemeinsamkeiten und intimen Stunden aber ohne Verpflichtungen?

Oder ist das ständige Erwähnen meiner Ex/meines Ex eigentlich ja extrem uncharmant aber ein Indiz für nicht verarbeitete Altlasten?

Auch das Missionieren in Sachen gesundem Lebensstil und Ernährung kann exzessiv betrieben den Genießer zur Flucht bewegen.

Ernüchterndes Fazit

München beispielsweise, meine Wahlheimat seit vielen Jahren, ist eine attraktive Stadt mit tollen Menschen, eigentlich perfekt um in Sachen Liebe fündig zu werden.
Doch interessanterweise das Gegenteil ist der Fall. Gerade hier tümmeln sich doch tatsächlich die meisten Singles von ganz Deutschland mit einem hohen 45+ Anteil.

Liegt es vielleicht tatsächlich an unserem Alter? Sind wir in diesem dritten Lebensabschnitt etwa nur noch schwer vermittelbar?
Blinzeln wir tollen Frauen 50+ zu sehr auf die George Clooneys dieser Welt und die vielen begehrenswerten Männer auf die ewig schöne Jugend?

Helfen uns unsere in den Jahren liebevoll gereiften und kultivierten Eigenheiten zwar bei der späten Selbstverwirklichung, stellen uns jedoch bei der Partnersuche eher ein Bein?

Zweifel über Zweifel, die uns nicht selten in eine destruktive Resignationshaltung manövrieren.

 

 

 

 

Single mit 50+... Fluch oder Segen?

Wie oft habe ich in meinem Umfeld Statements vernommen wie: 'Ich brauche keinen Mann mehr, er macht nur Arbeit und Stress, ich komme gut alleine zurecht!', oder 'ich brauche ein Frau nur für gewisse Stunden, ansonsten genieße ich endlich meine neugewonnene Freiheit in allen Lebenslagen'.

Nicht selten musste ich lächeln, wenn kurz danach gerade bei diesen Personen der Amorpfeil unverhofft mitten ins Herz traf und alle Vorhaben über Bord warf.
War es also gar nicht die persönliche Überzeugung, sondern nur der Mangel an Gelegenheit?

Anders die offenkundig Suchenden, die nach gescheiterter Beziehung irgendwann wieder Lust verspüren, sich über beide Ohren zu verlieben.
Die in einem neuen Partner die Chance sehen, vieles anders und besser zu machen.
Bei denen der innige Wunsch vorherrscht, das späte Glück zu finden, nochmals zusammen richtig Gas zu geben, aber auch Hand in Hand genussvoll und mutig dem Alter doppelt Paroli zu bieten.

Zur letzteren Fraktion gehörte ich und mein romantischer Optimismus wurde nicht selten als hoffnungslos naiv belächelt.
Aber wie heißt es so schön, wer zuletzt lacht, lacht ....?

 

Corona lockert sich endlich und damit öffnen sich unendlich viele Türen zur zurückgewonnenen Freiheit:
Ausgehen mit Freunden, Kunst und Kulturveranstaltungen, Sportaktivitäten, Partys in den eigenen vier Wänden oder einfach nur reisen.

Plötzlich schwirren wieder viele tolle Frauen und Männer aus ihren heimischen Cocoons aus und die Chance auf unverhoffte Schmetterlinge im Bauch wächst von Tag zu Tag.

Gerade in der Liebe lässt sich nichts planen und das ist auch gut so.
Je lockerer und vorurteilsfreier wir mit unserem gewollten oder ungewollten Single-Dasein umgehen, je mehr hat der Herrgott Lust, ein wenig nachzuhelfen.

Und zu jedem Topf gibt es den passenden Deckel, irgendwo und irgendwann, da bin ich mir sicher!

 

Eure Bibi

p.s. Erst, wenn meine eigene Welt positiv, bunt und spannend ist, möchte eine andere/ein anderer darin freiwillig eintauchen.

 

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